Schlechte Gewohnheiten ablegen: die Situation ändern, nicht nur den Vorsatz
Eine schlechte Gewohnheit legst du am besten ab, indem du die Situation veränderst, die sie auslöst, und vorher festlegst, was du stattdessen tust. Eine schlechte Angewohnheit ist eine automatische Reaktion auf einen bestimmten Auslöser – einen Ort, eine Uhrzeit, eine Stimmung oder bestimmte Menschen. Deshalb hält „Ich mache das nicht mehr“ selten: Der Auslöser ist noch da, und die Reaktion startet, bevor du es merkst. Hilfreich sind Hürden (mehr Schritte, mehr Abstand), ein Wenn-dann-Plan für den kritischen Moment, Wachsamkeit in der Auslösesituation und das Zählen sauberer Tage ohne Strafe für Ausrutscher.
- Eine schlechte Gewohnheit ist eine gelernte automatische Reaktion auf einen Auslöser; gute Vorsätze allein ändern sie nicht, weil sie ohne Entscheidung abläuft (Wood & Rünger, 2016).
- Menschen mit starker Kino-Popcorn-Gewohnheit aßen alten Popcorn genauso viel wie frischen – aber nur im Kino; außerhalb der gewohnten Situation verlor die Gewohnheit ihre Kraft (Neal et al., 2011).
- In Tagebuchstudien half bei starken schlechten Gewohnheiten vor allem Wachsamkeit („nicht jetzt“, auf riskante Momente achten), nicht nur das Meiden von Versuchungen (Quinn et al., 2010).
- Ein Plan „Wenn X passiert, mache ich stattdessen Y“ schwächt den Vorsprung der alten Gewohnheit und gibt dir im kritischen Moment die Wahl (Adriaanse et al., 2011).
- Umbrüche – Umzug, neuer Job, ein umgestellter Schreibtisch – sind die Zeit, in der sich Gewohnheiten am leichtesten ändern (Verplanken & Wood, 2006).
Was eine schlechte Gewohnheit ist und warum sie nicht auf Kommando verschwindet
Eine schlechte Gewohnheit ist ein wiederholtes Verhalten, das du fast automatisch zeigst, obwohl es dir eher schadet: Scrollen im Bett, Nägelkauen, Naschen vor dem Fernseher, E-Mails vor dir herschieben. Das Schlüsselwort ist automatisch. Wendy Wood und Dennis Rünger (2016) beschreiben eine Gewohnheit als im Gedächtnis gespeicherte Verbindung zwischen Situation und Reaktion. Tritt die Situation ein, startet die Reaktion von selbst.
Deshalb scheitern Vorsätze so oft. Das „nie wieder“ beschließt du in Ruhe, die Gewohnheit schlägt aber in einem anderen Moment zu – müde, in Eile, das Handy schon in der Hand. Die gute Nachricht: Wenn du weißt, was sie auslöst, weißt du, wo du ansetzen kannst.
Achte auf den Unterschied zwischen Gewohnheit und Sucht. Geht es um Alkohol, Rauchen, Glücksspiel oder Medikamente, oder kannst du das Verhalten trotz ernsthafter Bemühung nicht ändern, ist das keine Frage von „zu wenig Willenskraft“. Sprich mit deiner Hausärztin, deinem Hausarzt oder einer Suchtberatungsstelle.
Das Experiment mit dem alten Popcorn
David Neal, Wendy Wood und Kollegen (2011) gaben Kinobesuchern Popcorn – frisch oder eine Woche alt. Wer im Kino regelmäßig Popcorn isst, aß von beidem ungefähr gleich viel, obwohl das alte nicht schmeckte. Die Gewohnheit war stärker als der Geschmack. Als derselbe Test aber in einem Besprechungsraum beim Anschauen von Musikvideos stattfand, verlor die Gewohnheit ihre Kraft, und die Leute aßen danach, wie gut ihnen das Popcorn schmeckte. Ähnlich schwächte sich die Gewohnheit ab, als sie mit der nicht dominanten Hand essen sollten.
Die praktische Lehre: Eine Gewohnheit ist fest an ihre Situation gebunden. Verändere die Situation oder auch nur die Art, wie du das Verhalten ausführst – und dein Verstand hat wieder etwas zu sagen.
7 Schritte, um eine schlechte Gewohnheit abzulegen
- Auslöser kartieren. Notiere drei Tage lang, wann die Gewohnheit kam: Uhrzeit, Ort, Stimmung, wer dabei war, was kurz davor passierte. Meist zeigen sich zwei, drei Muster.
- Benenne, was sie dir gibt. Abwechslung, eine Pause, Beruhigung, Belohnung. Dieses Bedürfnis musst du anders stillen, sonst kommt die Gewohnheit zurück.
- Bau Hürden ein. Mach die Gewohnheit ein paar Schritte schwerer: Handy in der Küche laden, keine Süßigkeiten auf Vorrat, aus der App abmelden, die du gedankenlos öffnest. Angela Duckworth und Kollegen (2016) zeigen, dass die Situation zu verändern meist besser wirkt, als im Moment der Versuchung zu widerstehen.
- Schreib einen Wenn-dann-Plan. „Wenn ich mich abends vor den Fernseher setze und Lust auf Süßes bekomme, mache ich mir einen Tee.“ Marieke Adriaanse und Kollegen (2011) fanden, dass ein solcher Plan den Vorsprung der alten Gewohnheit im kritischen Moment schwächt. Mehr dazu im Wenn-dann-Plan.
- Sei in riskanten Momenten wachsam. Jeffrey Quinn und Kollegen (2010) untersuchten, wie Menschen im Alltag mit schlechten Gewohnheiten umgehen. Bei starken Gewohnheiten half vor allem wachsames Beobachten: merken, dass eine riskante Situation naht, und sich sagen „jetzt nicht“. Nur Vermeiden reichte nicht.
- Nutze einen Umbruch. Neue Wohnung, neuer Arbeitsplatz, Monatsbeginn. Bas Verplanken und Wendy Wood (2006) beschreiben solche Phasen als die Zeit, in der Gewohnheiten am verletzlichsten sind – die alten Auslöser sind weg, neue noch nicht da.
- Zähl saubere Tage, nicht Rückfälle. Halte die Tage ohne die Gewohnheit fest. Ein Ausrutscher wirft dich nicht auf null zurück – er zeigt dir, welchen Auslöser du noch nicht entschärft hast.
Beispiele: Auslöser, Hürde, Ersatz
| Gewohnheit | Typischer Auslöser | Hürde | Ersatz (Wenn-dann-Plan) |
|---|---|---|---|
| Scrollen im Bett | Handy auf dem Nachttisch | Ladekabel außerhalb des Schlafzimmers | Wenn ich mich hinlege, lese ich zwei Seiten |
| Naschen vor dem Fernseher | Abends auf dem Sofa | Keine Vorräte zu Hause | Wenn ich den Fernseher einschalte, mache ich mir einen Tee |
| Nägelkauen | Stress am Rechner | Kurze Nägel, ein Pflaster am Finger | Wenn meine Hand zum Mund geht, drücke ich einen Knautschball |
| Social Media bei der Arbeit | Schwere Aufgabe, Langeweile | Abmelden, App-Symbol weg vom Startbildschirm | Wenn es mich zieht, schreibe ich den nächsten kleinen Schritt auf |
| Zu spät ins Bett | „Noch eine Folge“ | Autoplay ausschalten | Wenn die Folge endet, stehe ich auf und putze mir die Zähne |
Wenn dich das Handy abends wach hält, lies auch Schlafprokrastination. Ist die Gewohnheit vor allem das Aufschieben von Arbeit, beginn mit Ursachen der Prokrastination.
Wie lange es dauert und was nach einem Ausrutscher hilft
Eine feste Zahl gibt es nicht. Verlernen ist wie Lernen ein schrittweiser Prozess: Der Auslöser zieht noch eine Weile an dir, auch wenn du schon anders reagierst. Bei Lally et al. (2010) dauerte der Aufbau eines neuen automatischen Verhaltens 18 bis 254 Tage. Beim Ablegen ist es ähnlich unterschiedlich.
Ausrutscher gehören dazu. Was hilft:
- Kein „jetzt ist es eh egal“. Ein Tag macht nichts kaputt. Aufgeben schon.
- Kurze Analyse statt Schuldgefühle. Welcher Auslöser war es? Was ergänze ich, damit Hürde oder Plan beim nächsten Mal greifen?
- Mach dir den nächsten Tag leicht. Erledige morgens eine kleine Sache, die du im Griff hast.
Warum Schuldgefühle eher schaden, erklärt Perfektionismus überwinden. Wie du das System langfristig aufstellst: Selbstdisziplin.
Probier es jetzt in CORTEX
In CORTEX (kostenlos für alle) legst du unter Gewohnheiten eine „Neue Gewohnheit“ an und wählst als Art Ablegen. Sie wird dann als „sauberer Tag“ gezählt – keine Minuspunkte, keine Strafen, nur eine Serie von Tagen ohne sie und eine Jahres-Heatmap. Den Wenn-dann-Plan schreibst du in die Beschreibung. Für Süßes gibt es einen fertigen Plan in der Vorlage „30 Tage ohne Zucker“ (Mehr → Vorlagen): Sie zählt saubere Tage und gibt dir einen Plan für Heißhunger. Wenn du ein Konto hast, öffne die Vorlage 30 Tage ohne Zucker direkt.

Häufige Fragen
Wie lege ich eine schlechte Gewohnheit schnell ab?
Eine Sofortlösung gibt es nicht, am schnellsten wirkt aber meist eine veränderte Umgebung: Entferne oder erschwere, was die Gewohnheit auslöst (Handy raus aus dem Schlafzimmer, keine Süßigkeiten im Haus), und plane einen Ersatz für den riskanten Moment. Dann zähl saubere Tage.
Warum schaffe ich es nicht mit Willenskraft allein?
Weil eine Gewohnheit eine automatische Reaktion auf einen Auslöser ist und startet, bevor du dich entscheiden kannst. Willenskraft hilft in dem Moment, in dem du die Situation bemerkst, zuverlässiger ist aber, die Situation zu ändern und vorher zu planen, was du stattdessen tust.
Wie lange dauert es, eine schlechte Angewohnheit loszuwerden?
Von einigen Wochen bis zu Monaten – je nachdem, wie stark die Gewohnheit ist, wie oft der Auslöser auftritt und ob du einen Ersatz hast. Ein einzelner Ausrutscher setzt nichts zurück; wichtig ist, am nächsten Tag weiterzumachen.
Soll ich die schlechte Gewohnheit durch eine gute ersetzen?
Ja, wenn möglich. Die schlechte Gewohnheit gibt dir meist etwas – Erleichterung, eine Pause, eine Belohnung. Wenn du dieses Bedürfnis anders stillst und einen Plan „Wenn X passiert, mache ich Y“ hast, kommt sie seltener zurück.
Wann ist es eine Sucht und keine Gewohnheit mehr?
Wenn das Verhalten trotz ernster Schäden weitergeht, du es trotz echter Bemühung nicht reduzieren kannst oder es um Alkohol, Nikotin, Drogen oder Glücksspiel geht. Dann wende dich an deine Hausarztpraxis oder eine Suchtberatung. In einer Krise: TelefonSeelsorge 0800 111 0 111.
Quellen und weiterführende Literatur
- Wood, W. & Rünger, D. (2016): Psychology of Habit – Annual Review of Psychology
- Neal, D. T., Wood, W., Wu, M. & Kurlander, D. (2011): The pull of the past: When do habits persist despite conflict with motives? – Personality and Social Psychology Bulletin
- Quinn, J. M., Pascoe, A., Wood, W. & Neal, D. T. (2010): Can’t control yourself? Monitor those bad habits – Personality and Social Psychology Bulletin
- Adriaanse, M. A., Gollwitzer, P. M., De Ridder, D. T. D., de Wit, J. B. F. & Kroese, F. M. (2011): Breaking habits with implementation intentions: A test of underlying processes – Personality and Social Psychology Bulletin
- Verplanken, B. & Wood, W. (2006): Interventions to break and create consumer habits – Journal of Public Policy & Marketing
- Duckworth, A. L., Gendler, T. S. & Gross, J. J. (2016): Situational strategies for self-control – Perspectives on Psychological Science
Mach dein Leben zum Spiel
CORTEX ist für alle kostenlos. Aufgaben, Gewohnheiten, Ziele und Belohnungen in einem System, am Computer und auf dem Handy.
KOSTENLOSES KONTO ERSTELLEN